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"Ich weiß gar nicht, wo ich Weihnachten bin..." Kaktus oder Krüppelkiefer: Wie Herborner das Fest erleben

Gänsebraten und echte Kerzen am Baum? Kirchgang und Besuch bei der Oma wie jedes Jahr oder alles ganz spontan? Wir haben Menschen in der Herborner Fußgängerzone befragt, was ihnen die Festtage bedeuten und wie sie sie verbringen. Und ob´s wieder Krawatte, Socken und Parfüm gibt...

Erstaunlich viele unserer Gesprächspartner verzichten auf Geschenke, wenn keine Kinder im Haushalt leben. "Unsere Geschenke für die Enkel übergibt die Tochter, wir sind über Weihnachten mit dem Wohnwagen im Schwarzwald", verraten Marianne und Günter Rink aus Ballersbach. Untereinander schenken sie sich nichts, genauso wie Romana und Richard Kalbfleisch, die schon seit November täglich für Glühwein und andere Getränke auf dem Herborner Weihnachtsmarktplatz sorgen: "Wir wünschen uns Gesundheit und Glück, sonst nichts", sagt Romana. Nur der 14-jährige Sohn kann auf Päckchen unterm Baum hoffen: "Er hat sich einen Football und Wrestling-Figuren gewünscht". Da die Mama ebenfalls für die muskelbepackten Showkämpfer schwärmt, könnte zumindest dieser Wunsch in Erfüllung gehen...

Zum Thema Geschenke halten sich die anderen Befragten zurück: Klar, sonst könnte nach einem Blick in den "Stadtanzeiger" die Überraschung verdorben sein. Aber eine ganz wesentliche Rolle bei fast allen spielt das Essen an Heiligabend. Bei Thomas Rittner beispielsweise kommt ein Heringssalat nach dem Rezept der 1969 verstorbenen Großmutter auf den Tisch. "Da kommt rein, was man nach dem Krieg so hatte: Walnüsse, hartgekochte Eier, Rote Beete und Fleischwurst". Später kam noch Roastbeef dazu. "Und als Zugeständnis an unsere Frankophilität gönnen wir uns heute als Vorspeise zusätzlich Schnecken", erzählt der Herbornseelbacher.

Die 16- und 19 Jahre alten Kinder sorgen bei Ulrike Litzba schon seit vier Jahren für das Heilig-Abend-Menü: "Wir freuen uns total darauf!", erzählt die Sinnerin, die in Herborn das Stadtmuseum leitet und - nun im Urlaub - schon auf den Einkaufszettel der Kinder für das Festmenü wartet: "Es gab schon mehrfach Filet und immer eine Beilage und ein Dessert." Hilfestellung muss sie von Jahr zu Jahr weniger leisten. Keine zu berücksichtigenden Gewohnheiten hinsichtlich der Küche gibt´s bei Stefanie Müller aus Dillenburg, die als Auszubildende im Herborner Rathaus arbeitet. "Dieses Jahr gibt´s Lachs mit Rosmarinkartoffeln", verrät sie. Rinks in ihrem Wohnwagen hingegen setzen ganz traditionell auf Kartoffelsalat und Würstchen. Kulinarisch steht während der Urlaubstage beim Wintercamping aber auch noch der ein oder andere Ausflug ins Elsass an...

Wer bis zur letzten Minute arbeitet, weiß vor allem die ruhigen Stunden während der Weihnachtstage zu schätzen. "Wir gehen an Heiligabend in die Kirche und wollen am ersten Feiertag nach Gießen", erzählen Romana und Richard Kalbfleisch. Am zweiten Feiertag und dann noch bis 30. Dezember stehen sie schon wieder auf dem Marktplatz an ihrem Stand. Ein Baum in der Ferienwohnung in der Fußgängerzone, die ihnen solange Heimat bedeutet, muss trotzdem sein, betonen die Schausteller. Auch Marianne und Günter Rink haben in ihrem Wohnwagen einen Baum, wenn auch nur einen künstlichen.

Noch mobiler als die Rinks ist Janina Schäfer aus Gießen, die in Herborn arbeitet: "Ich weiß gar nicht, wo ich Weihnachten bin", antwortet sie auf die Frage nach ihrer Feiertagsgestaltung. Nanu, wie geht das denn? Des Rätsels Lösung: Die städtische Angestellte ist im Urlaub und 14 Tage auf Kreuzfahrt vor Mittelamerika und in der Karibik unterwegs. Der Blick ins Handy offenbart: Philipsburg und die Insel St. Maarten stehen für den 24. Dezember auf dem Programm. Gewiss wird an Bord auch Weihnachten gefeiert, vermutet Janina Schäfer.

Auf dem Schiff dürfte es allerdings nur künstliche Bäume geben. Das käme für Uwe Koch nicht infrage: "Die Nordmann-Tanne steht schon auf dem Balkon", erzählte er am vergangenen Freitag. Er ist kürzlich von Schönbach nach Herborn umgezogen und freut sich über die zentrale Lage seiner Wohnung und das lebendige Herborn. Auch bei Hans-Werner und Elke Elsner aus Burg steht ein echter Baum: "Wir haben schon vor 14 Tagen bei Kuhlmanns einen passenden entdeckt und sofort zugeschlagen", berichtet er. An Heiligabend gehört ansonsten der Gottesdienstbesuch auch für die Elsners mit dazu.

Nicht nur einen, sondern gleich 300 Bäume hat Thomas Rittner im Hof stehen - kein Wunder, als Herborner Revierförster verkauft er zugunsten des Herborner Wildgeheges Christbäume - und das noch bis Heiligabend: "Echte Schnäppchen bis zuletzt!" Seinen eigenen Baum allerdings hat er im Seelbacher Steinbruch gefunden, als er Diabas-Findlinge für eine Gartenmauer geholt hat: "Eine echte Krüppelkiefer mit schiefem Stämmchen, die angeflogen dort zwischen den Steinen wuchs", zeigt er. In einen Topf gepflanzt, könnte der gerettete Nadelbaum im Gegensatz zu den abgesägten Konkurrenten auch in den nächsten Jahren noch festlich geschmückt als Wohnzimmer-Zierde dienen.

Weder künstlich noch mit Wurzeln: Gar keinen Baum gibt´s bei Ulrike Litzba in Sinn: "Als die Kinder größer waren, haben wir darauf verzichtet, es hatte keiner mehr Lust zum Schmücken", erzählt sie - und dass sie sich früher schon mit einem großen Kaktus als Ersatz beholfen haben.